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- 4 09 2007 - 21:52 - katatonik

Münchreisenotizen, spät

Bahnfahrt 1: Abteil, großes Glatzbabyface mit gepresstem Rammsteinton aus Kopfhörern, zwei Esotanten am Weg zur nächsten Runde eines Workshops; Glatzbabyface schläft, Esotanten tauschen Bücher aus und sprechen darüber. Sonne, Landschaft. Ich lese Hari Kunzrus “Transmission”, das mir G. empfohlen hat, und bin erfreut über die Empfehlung.

Ethnografische Einkaufsspaziergänge: Manufactum in München vs. Manufactum in Hamburg, das Theatralische in München, weswegen Manufactum noch unsympathischer wird (theatralische Inszenierung protestantischen Herstellungsstolzes => brou-ha-ha), obwohl, ein Fläschchen tahitianischen Kokosnußöls kann man sich schon gönnen, dann und wann (die von französischen Nonnen handgefolterte Limonenmarmelade aber tunlichst vermieden).

Tee im Stadtcafé: G. weist auf einen Intensivling hin, der vor der Synagoge eine schöne Frau mit intensivem Gespräch, wohl über die Synagoge, zu beeindrucken sucht; so sieht es jedenfalls aus. Irgendwann lehnt Intensivling am Stein. Die Frau filmt ihn. Die Sonne scheint.

Abends sitzen wir mit W. in einer Nische beim Griechen, wo wir vor ein paar Jahren an einem sehr stillen Präweihnachtsabend mit malorama saßén. Wir vermissen malorama, also jetzt so menschmäßig. Wir essen Mezes und trinken vor uns hin, während viele junge und noch mehr schöne Menschen kommen, sitzen, plaudern und gehen. Es gibt Umgebungen, die man nur generisch zusammenfassen kann, so, wie Kinder Bäume als grün gefüllte Kreise mit braunen Stümpfen malen.

Pinakothek der Moderne: Vorletzter Tag einer Ausstellung von Farbportfolios von William Eggleston. Anrührende Mischungen aus zarten Landschaftsfarbübergängen, in denen vor sich hin rostendes Zivilisationsgut steht, amerikanisches Neondinerzwielicht, leichtes Unwohlsein dabei wg. mittlerweile zu posterisiert das Ganze, so als Motiv, Gracelandfotos. Enttäuschend klein, die Ausstellung. Daneben eine finstere Inszenierung von Tadeusz Kantor, in die wir uns nicht vertiefen wollten. W. verlor seinen Museumsclip, fand ihn aber im finsteren Filmraum zur Kantorfinsterisierung wieder. Der Intensivling und seine Begleiterin sind auch wieder da, obwohl der Ort ein andrer ist und die Zeit auch.

Humanism in Cina: eher zufällig hineinspaziert. Ganz, ganz sonderbare Berufung auf den Wert des chinesischen Blickes, der diese Sammlung chinesischer Fotografien so als Blick auf die sich dort zeigende Conditio humana auszeichent. Erschließt sich nicht. Im Begleittext auch ganz blöde Berufung darauf, wie wichtig es sei, die ehrwürdig alte chinesische Kultur zu kennen, um die Fotos zu verstehen. Ganz, ganz blöder Kulturalismus. Viele Fotos, einiges interessant, mangelhaft dokumentiert (eine dieser Katalogteaserausstellungen), seltsamer Ansatz. Der Begleittext auch da ganz, ganz blöd – weist rätselhaft auf Diskussionen über “Humanismus” hin, die es in China wohl gäbe, deutet aber nicht einmal an, welche Humanismuskonzepte in welcher Diskussionsprägung für diese Ausstellung irgendwie beduetsam sein könnten. So ein “Wirwissenbescheid”-Begleittext eben.

Schwimmen im Olympiabad: Dieses gespannte Dach ist ja schön anzusehen, aber, ich sage euch, in der Rückenschwimmerbahn, in der sonst alle Brust schwimmen, Rücken zu schwimmen, ist kein Spaß. Das Spanndach hat keine zur Schwimmrichtung parallelen Linien und an der wollweißen Unterseite überdies Blümchen eingestanzt, so große Blümchenkonturen, die den Blick erfreuen mögen, den Rückenschwimmer aber bestenfalls in Slalombewegungen zwingen. Für die Wirbelsäule kann das nicht gut sein. Bereichseinfärbung der Bahntrennschnüre ebenfalls mangelhaft (Endbereich normalerweise anders gefärbt als Mittelbereich => Vorwarnung für Rückenschwimmer, dass sie bald auf ihre Köpfe aufpassen müssen. Verlangt aber Farbkontrast wg. peripherem Sehen u. dabei zu überschreitender Kontrastschwelle; kriegen die da nicht hin von wg. Wechsel von Rot-Weiß-Perlchen zu Rot-Perlchen; pffffft. W. betrachtet das als Luxusproblem). In der Umkleide übrigens Überwachungskameras. Ganz, ganz blöd. Aber man kommt sich beim Schwimmen wg. Tribünenrumstehern sehr, sehr olympisch vor, vor allem als Rückenschwimmer.

Jüdisches Museum: erinnert mit seinem Lokalbezug wohl nicht zufällig ans Stadtmuseum, das ja praktisch nebenan liegt. In der Ausstellung Dirndl, Truhen, Edelweiss muss die junge, sehr engagierte Museumsführerin Besuchern erklären, wieso jetzt eigentlich ein jüdisches Museum eine Ausstellung über die Wallachs macht, Begründer des bayrischen “Volkskunsthauses” (Dirndl & Schnitztruhen). Ein Stockwerk drunter, ebenso gut klimatisiert, temporäre Ausstellung über das Sammeln von Judaica, und das Ausstellen derselben. Sparsame, spielerische permanente Ausstellung im Keller, ebenfalls münchgebunden.

Kein Overkill an Ritualgegenständen, was gut ist. Jüdische Ritualgegenstände befremden mich, da mir ihre Ausstellung in allgemein jüdischen Museen immer suggeriert, dass sie für das Judentum generell als Ritualgegenstände relevant sind, was ich aber angesichts der inneren Vielfalt des modernen Judentums bezweifeln möchte. (Relevanz als Ritualgegenstand vs. Relevanz als wertvoller Gegenstand, der irgendwie historisch bzw. symbolisch mit einem zu tun hat.)

Bahnfahrt 2: einer der ausgesonderten ICE-Züge, die die DB der ÖBB überlassen hat, die auch schön ihr Logo über das der DB gepappt hat an den Zugflanken. Großraumwagen, eigentlich besser, da Lärm verteilter und Eigenlärm weniger hervorstechend. Keine Rammsteinbabies. Leicht nerviges (quasslig) Emo-Pärchen wird von zwei sich setzen wollenden Fönwellen-Streifenhörnchen als “Asi” gedisst, da Emofrau die Frage von Streifenhörnchen 1, ob da frei wäre, mit “wenn du nett fragst … frag noch einmal, aber netter” beantwortet. Blöder Witz, aber keine zischende Asi-Dissung rechtfertigend. Die hochschwangere Mutter zweier Kinder daneben erklärt deswegen ihrem stets “was los”-fragenden Sohn folgerichtig, die zwei jungen Männer da wären unfreundlich gewesen, nun ja, so “bestimmend”. Sie erklärt dem Sohn auch gelassen die Handhabung des Nothammers, den man aber, nein, sicher nicht brauchen würde.

(Die Frau hat sowieso den Gelassenheitspreis des Jahrhunderts verdient; offenbar war sie noch Kaffee holen oder sonstwas, während Oma und die beiden Kinder schon im Zug saßen. Es näherte sich die Abfahrtszeit, die Kinder wo-is-die-mammaten die Oma wahnsinnig, wollten schon wieder aussteigen, weil, wenn die Mama nicht kommt, bleiben wir auch da, und dann kam die Mama und die Kinder wo-warst-du-denn-so-langten sie, und sie sagte nur so, “ach, fliegen kann ich halt nicht”.)

Hinter G’s lesendem Kopf sehe ich durch die Glasscheibe die Geschwindigkeitsanzeige. Es geht nach Salzburg tapfer nach oben. Bei 151 macht die Kurve eine Kehre. Der Zug bremst recht abrupt ab, bleibt stehen. Ich komme nicht dazu, den Witz über die Hightechzüge auf den Lowtechgleisen zu machen, der kein Witz ist, sondern eine Bemerkung, da G. Musik hört. Statt dessen bringe ich immerhin einen flachen Witz über die Geschwindigkeitsüberschreitung des Lokomotivführers an, der jetzt sicher von der Polizei gestoppt worden wäre usw. usf. Die Umgebung findet das ganz lustig, wie man eben so Sachen lustig findet, wenn ein Hochgeschwindigkeitszug am freien Feld plötzlich stehen bleibt und rundherum Gewitter tobt.

Nach einigen Minuten stellt sich heraus, dass in die Sicherungsanlage Lambach der Blitz eingeschlagen hat. Deswegen stehen alle Signale auf rot und alle Züge still. Weiterfahrt “auf unbestimmte Zeit” verschoben.

Die Emo-Tante freundet sich mit den Kindern an und lenkt sie mit Notebook-Memory-Spielen ab. Mama macht Witze über die Wehen, die besser noch nicht einsetzen sollten (vor allem nicht, ergänzt die Tochter brav, da das Baby sowieso mit Kaiserschnitt entbunden werden müsste). Alle lachen. Haha.

Der Zug steht eine Stunde am freien Feld, während es blitzt und donnert. Geschichten fließen, Spiele werden gespielt. Die Tochter der Mutter, die derweil den etwas ängstlichen Sohn mit einem Besuch beim Lokomotivführer unterhält, plappert mit einem anderen Teenagermädel der DocMartens-Variante: Weinbauerntochter vom Lande mit Verwandtschaft in den USA trifft auf Urbantochter mit Indienreiseerfahrung. Fünf Minuten später vergleichen sie die Grundrisse ihrer Zimmer, sprechen über Katzen- und Hundebenennungsmöglichkeiten und über elterliche Nachhausekommregeln. Das geht sehr schnell und hyperinteraktiv, kommunikativ geradezu. Ich bin beeindruckt.

(Der Lokomotivführer kommt übrigens aus der Gegend, wo die Mutter mit dem etwas ängstlichen Sohn Weinbau betreibt. Er wird dann demnächst einmal vorbeischauen, auf ein Glaserl. Sie sollen ihn dann halt eine Stunde vor der Tür warten lassen, empfehle ich revanchistischerweise.)

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