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- 29 04 2003 - 21:03 - katatonik

Von der Präsenz des Buches

“Wenn wir von der institutionellen Seite her der Forschung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die bestmögliche Unterstützung bieten wollen, dann muß, davon war ich ausgegangen, ein Literaturreservoir zur Verfügung gestellt werden, das weit über die Privatbibliothek und die institutionelle Kleinbibliothek hinausreicht. Nur ein solches Reservoir kann jenes ‘frame of reference’ bieten, das für die geisteswissenschaftliche Forschung erforderlich ist, wenn wir uns von ihr eine schöpferische Arbeit in und an der kulturellen Tradition erwarten.

Dieses Reservoir muß einen unmittelbaren und mit nur minimalem organisatorischem Aufwand verbundenen Zugang zu einem ebenso universalen wie differenzierten Bestand an historischer und moderner Literatur bieten. Es sollte in seiner leichten Handhabbarkeit die ‘unsystematische’ Literaturbenutzung nicht nur fördern, sondern geradezu nahelegen und damit in gleicher Weise als Arbeitsgrundlage wie als Anregungspotential dienen können. Die Form, die dieses Reservoir haben muß, sollte idealerweise die der Präsenzbibliothek sein oder ihr zumindest nahekommen. In jedem Fall sollte es eine Bibliothek sein, die es dem Wissenschaftler erlaubt, ad libitum unmittelbaren Gebrauch von allem zu machen, was seine Arbeit fördert und ihre Ergebnisse verbessert.

Eine Vorstellung vom Wirkungsmechanismus einer solchen Bibliothek läßt sich kaum aus der Bibliotheksliteratur gewinnen. Die Quellengattung, die Aufschluß darüber geben kann, ist die Gelehrtenbiographie jener Generationen, für die die Privatbibliothek das ausschließliche oder vornehmliche Forschungsinstrument war. Nicolaus Sombarts Jugend in Berlin (1984) bietet mit seinen Bemerkungen über die Bibliothek des Vaters das jüngste Beispiel dafür. Solchen Darstellungen läßt sich nicht nur entnehmen, was die Präsenz des Buches (und ich meine dies auch hier im realen wie im übertragenen Sinne) für die geisteswissenschaftliche Forschung bedeutet. Sie vermögen auch zu verdeutlichen, warum es unerläßlich ist, diese Präsenz des Buches zu verstärken – nicht um der Bibliographen und Herausgeber willen, denen man als Repräsentanten eines Neo-Alexandrinismus sowieso einen unrealistischen Literaturbedarf zuschreibt, sondern um jener Wissenschaftler willen, deren Vorhaben spekulativer, historischer oder interpretativer Natur sind und von denen wir erwarten dürfen und verlangen müssen, daß sie so weit wie möglich ausgreifen. “


Bernhard Fabian, “Zwischen Buch und Bildschirm. Die Bibliothek als Stimulans der geisteswissenschaftlichen Forschung”.
Sehr ausführlicher Text, die Wichtigkeit der Präsenz von Büchern hervorhebend und darauf hinweisend, dass Bibliotheks-Verbundsysteme, wie sie für Deutschland charakteristisch sind, auf einem dem geisteswissenschaftlichen Forschungsprozeß nicht unbedingt förderlichen “Suchmodell” aufbauen. Das Verbundystem suggeriere, so Fabian, dass das Wichtigste die Auffindbarkeit von Informationen über Bücher und ihren Standort in einem Datennetz sei; der Forscher würde sie dann schon entleihen und entlehnen. Das gehe aber an der geisteswissenschaftlichen Forschungsrealität vorbei, die die Möglichkeit erratischer Bewegung durch Präsenzbibliotheken benötigt.
Schön unrealistisch, schön utopisch, traurigerweise heute nur noch dort Wirklichkeit, wofür sonst gern und berechtigt das Prädikat “veraltete Strukturen” verwendet wird.
Der Text erschien 1985.


Es stimmt, leider. Vielleicht wäre es auch hilfreich, in die OPAC-Interfaces so etwas wie die "Empfehlungen" bei Amazon einzubauen. Oder zusätzlich ein grafisches Interface anzubieten, das "Browsing" auf eine interessante und anregende Weise ermöglicht. Wenn man es klug anstellen würde, könnte man schon das beste aus beiden Welten haben.

gHack (Apr 29, 23:13) #


Das ist nicht das, was Bernhard Fabian meint, und ich kann das auch nachvollziehen: dieses nicht systematische Herumspazieren in einer Bibliothek, mit einem Kopf voll noch unspezifischer Fragestellungen, die sich noch nicht mal auf Suchworte bringen lassen. Und dann greift man zu einem Buch, weiß gar nicht warum eigentlich, schlägt es auf, liest ein paar Seiten, und, ohne dass, was man gelesen hat, eine oberflächliche Inhaltsbeziehung zu diesen diffusen Fragestellungen hat, die man noch gar nicht hat, bricht plötzlich etwas auf im Kopf.
Ist das sentimental? Romantisierende Verbundsystemstürmerei?
Ich weiß nicht. Aber das Beschriebene ist eine Erfahrung, die ich bis jetzt noch nie in OPAC, NACSIS, GBV oder wie sie alle heißen, hatte. Ob das nur eine Frage der intelligenten Maschinen- bzw. Interfacegestaltung ist?

katatonik (Apr 30, 07:27) #


Ich finde es nicht sentimental. In EF konnte ich früher nicht in die Bibliothek hinein (hat sich mittlerweile durch Neubau geändert) und war auf das Interface angewiesen. In SG kann man einfach in die Bibliothek reinspazieren und sich umsehen. Da habe ich Bücher mit Titeln gefunden, auf deren Schlag- und Stichwörter ich nie gekommen wäre. Präsenzbibliothek muss sein. Zumindest in den Kultur- und Sozialwissenschaften kann ein Interface nicht die Begegnung mit dem Buch ersetzen.

gHack (Apr 30, 09:53) #


Ich schätze das Stöbern in kleinen oder großen Präsenzbibliotheken auch sehr; aber ich freue ich mich auf den Zeitpunkt, da die deutschsprachigen Verlage sich dem internationalen Standard beugen und die Buchrücken so bedrucken, dass man nicht permanent den Kopf um beinahe 180° drehen muss ... Richtig ist es, wenn das rechte Ohr nach unten weist.

erratika (Apr 30, 12:09) #


Andererseits: angesichts der steigenden Anzahl verspannter Nackenmuskeln ist etwas Kopfschlackern vielleicht ganz gesund. Man sollte vorschlagen, dass stundenlanger Kopfschlackeraufenthalt in Bibliotheken als vorbeugende Maßnahme bzw. Heilbehelf auf Krankenkassenbeiträge mindernd angerechnet wird.

katatonik (Apr 30, 12:54) #

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