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- 11 09 2005 - 23:16 - katatonik

Zürich

Abflughölle. Flughafenbus im Stau, Abflugschalter der Billigfluglinie plötzlich in anderem Gebäude, Abflugschaltertussi muss predigen, anstatt schnell einzuchecken, dann ca. zweihundert Personen vor der Passkontrolle, aber die ganz vorne lassen mich nett vor, dann im Flugzeug ohnehin noch fünfzehn Minuten warten, und der Billigflugkopilot macht launige Bemerkungen (“dank der Top-Organisation des Wiener Flughafens, der es nicht schafft die Passagiere rechtzeitig zum Gate zu kriegen …”), hahaha, wie es so viele Menschen plötzlich unerhört finden können, dass sie fünfzehn Minuten zu spät tausend Kilometer weiter westlich landen.

Ankunftsfreuden, eh klar.

Mit dem Bus hinauf zu C., mit ihr auf der Terrasse frühstücken, während es hupt. Ja, da könnten wir noch frisches Gebäck haben, kommt von dieser japanischen Wirtschaftssekte (die da?), die Gebäckwägen vorbeischicken. Wirtschaftssekte übernimmt Gebäcksnahversorgung, passt hier.

Mit dem geborgten Fahrrad wieder bergab. Schön, dass die Autos Platz lassen, nicht von links her andrängen und grundsätzlich so tun, als hätten Fahrräder und vor allem ihre Fahrer auf Straßen nichts verloren.

Trauerfeier, das heisst hier “Abdankung”.

Glückseligkeit, Lust, Unlust, Tugend, Affekt, Begierde – antike Glückstheorien. Die vier Affekte nach den Stoikern, als Bewegungen der Seele begriffen: Unlust als unvernünftiges Sichzusammenziehen, Furcht als unvernünftige Verrenkung, Begierde als unvernünftiges Sichausstrecken und Lust als unvernünftiges Anschwellen (nach Hossenfelder). Keine Symmetrie der Bewegungen, klar, aber wie kommen die Stoiker gerade auf diese Bewegungen als Bilder jener Affekte, oder sind es am Ende keine Bilder?

Kunsthaus Zürich, zwei Fotografieausstellungen. Fotos aus den Archiven des Los Angeles Police Department, Fotos von Miroslav Tichy. Mit der LAPD-Archivausstellung nicht viel anzufangen gewusst. G. verfällt bald in Slapstickgelächter. Ich zögere noch etwas, stimme dann aber ein. Zu viel bewusst skurril Gewähltes. Großformatige Fotos von crime scenes, zwischendrin ein Foto von einem schäbigen, spitzwinkelig zulaufenden Gang mit zwei Türen nahe der Spitze, Begleittext so in etwa: “Zwei Türen treffen aufeinander.” Inszenierungen von Kriminalbeamten am Schauplatz, sie posieren, klar. Schulungsfotografien, gestylte Polizistinnen mit toupiertem Haar, in Stöckelschuh und Rock, keine Uniform, alle mit Waffe in der Hand, in einer Reihe: Waffentraining. Ja, cool, klar. Mehrere Portraitfotos von Gewaltverbrechensopfern, alle weiblich. Zeigt das die morbide Faszination der männlichen Fotografen an den geschundenen weiblichen Gesichtern oder das gleiche Phänomen zweiter Ordnung seitens der Kuratoren? Leichen unter Brücken, Fotos von Diners und anderen Lokalitäten, anscheinend Verbrechensorte, an denen kein Verbrechen zu sehen ist. Was will diese Ausstellung? Will sie etwas? Im Anfangstext ist davon die Rede, wie die Fotografien unsere Bilder von LA, durch Filme produziert, bestätigen, reproduzieren. Ja und nein. So und anders. Und?

Miroslav Tichy: Idiosynkrat, lebte in der CSSR als Verrückter, der seine eigenen Kameras aus zurechtpolierten Plexiglaslinsen, Hosengummibändern und Kartons bastelte. Bilder fast ausschließlich von Frauenkörpern, viel Faszination am weiblichen Beinpaar und dessen spitzwinkeligem Zusammentreffen (“zwei Beine treffen aufeinander”, haha), weich konturiert, ungeschärft, fleckig, Zufallsfotografien wohl die meisten. Die Vorstellung: Der zusehends zahnlöchrige, wildhaarige Tichy streift durch den Ort und fotografiert Frauen, die das bemerken oder auch nicht, naja, der Kauz, macht ihm halt Spaß. Nur wenige Bilder darunter, die eine Nähe zur fotografierten Person auch nur annähernd nahelegen. Zur Ausstellung läuft ein Film, in dem Tichy in seinem völlig verwüsteten Habitat Fragen beantwortet, ein Nichtzuvieldenkenkünstler mit Nichtwirklichtheorie-Theorien über die Mathematik, die Atome und die Welt. Wie der Filmemacher dann versucht, Tichy davon zu überreden, dass er eigentlich überhaupt kein Erotoman sei und kein Voyeur, dass es in seinen Fotos überhaupt nicht um Erotik ginge, das war sehr komisch, alle Zuschauer lachten.

Am Weg zum Kunsthaus in einer kleinen Kellergalerie eine Gratis-Ausstellung über Tourismus in der Schweiz, 19. Jahrhunderts, Riesenhotellerie, lauter Panhanse, Bergtourismus, Gästebucheintragungen von Rimsky-Korsakow etc.pp., Preislisten für Nächtigungen, erst für Gäste, dann für deren Domestiken (“vin compris”).

Abendbiere am Fluß, wo immer noch vereinzelte Schwimmer gegen den starken Strom anschwimmen. Einer schafft es tatsächlich, stromaufwärts zu crawlen, langsam, aber doch. Furchtbarer Respekt. Grau-flaumige Schwanenjunge. Gelbe Plastikentchen.

Spät abends “Point Blank” im Fernsehen, das betonierte Flußbett in LA, wo auch in der LAPD-Ausstellung fotografiert gewesen war. “Point Blank” ist groß.

Eines Abends ins Kino, “Angry Monk” von Luc Schaedler, eine Dokumentation über Tibet, die den Spuren von Gendun Choephel (ca. 1903-1951) nachreist, von seiner Kindheit in Osttibet zum Jungmönch in Labrang bis zum etwas erwachseneren Mönch in Drepung bis zum enttäuschen Mönch in Lhasa, hoch intelligent, neugierig, provozierend, sich um Kopf und Kragen redend und denkend, sich darum nicht kümmernd. 1934 trifft er auf den indischen Forschungsreisenden Rahula Sankrityayan, sucht mit ihm dann weiter in Klöstern nach Sanskrithandschriften, reist letztlich nach Indien, dort mit einem anderen tibetischen Mönche jahrelang kreuz und quer und auf und ab, schreibend, malend, saufend, vögelnd, denkend, bis er dann in Kalimpong landet, dort 1945 auf eine revolutionäre Tibetergruppe stößt. Nicht weiter aufregend und etwas kindisch (skizziertes Hammer/Sichel-Motiv mit tibetischen Begleitmotiven als Enblem), aber doch fatal, da der britische Geheimdienst davon Wind bekommt und das nach Lhasa meldet, wo der britische Repräsentant Hugh Richardson zwar den Kopf schüttelt, wg. kindischem Schwachsinn, das aber doch der besorgten tibetischen Regierung meldet, die Gendun Choephel bei seiner Rückkehr prompt am Fuß des Potala inhaftiert, Umstürzler, suspekt, klar. Sie brechen ihn, da im Gefängnis, dann lebt er noch zwei Jahre mit seiner Frau, die als verschmitzte Greisin im Film auftaucht, in Lhasa, erlebt vom Dach, auf das sie ihn tragen, noch den Einmarsch der chinesischen Soldaten, meint, das hätten sie nun davon, die Tibeter, nun sei es vorbei. Stirbt bald. Gendun Choephel und Sankrityayan, zwei traditionelle Gelehrtenfiguren, die hinaus wollten und aber eben doch nicht in ein Exil, Veränderung, Reform, Augenöffnen, Gefängnis, Marxismus, politische Verwirrung, Lebensgenuß, viele Frauen, viel Verstreuung. (Letztlich Gendun Choephel interessanter als Sankrityayan, hatte intellektuell mehr drauf, finde ich, war weniger konfus, dafür auch tragischer.)

Der Film sehr dicht erzählt, man merkt, wie viel Recherche in ihm steckt, Gespräche mit alten Verwandten von Gendun Choephel in Osttibet, mit dem verschmitzten Greis, der damals mit ihm in Indien herumreiste, und die Orte heute, immer die konkreten Orte: Wenn Gendun Choephel auf seiner Reise von Labrang nach Lhasa bei Salzseen vorbeikam, sehen wir die heutige Salzproduktion dort, wie Salzberge von Gütertransportwägen auf den Boden gekippt werden, wird nicht mehr lange gehen, der Weg zum Konsumenten ist zu weit für Rentabilität.

Irgendwo in einem Slum in Calcutta finden die Filmemacher das Nanking Hotel, von dem heute nur noch die Bar offen hat, Verstaubtes, Dunkelholziges, alte Männer, und der tibetische Schmitzgreis erzählt, wie sie da wohnten und Gendun Choephel alle Prostituierten an der Kleidung erkannte. Wenn der Mönch Bier trinkt und Frauen liebt, bleibt sein Geist frei. Die Lieblingsanekdote kam im Film übrigens nicht vor.

Tibetische Schmitzgreismönche: doch immer wieder toll.

Auch schön: die Differenziertheit, in Tibetfilmen nicht selbstverständlich. Realität in Tibet heute, Einwanderung aus armen chinesischen Provinzen, Discos, Widerstand, Handel, Propaganda, Resignation, Assimilation, Fernsehen, dann die Stagnation der Gesellschaft damals, die unglaubliche Ungleichheit, die Brutalität der chinesischen Volksarmee, das zarte Wiederbeleben, das Neudrucken von verloren geglaubten Texten, das Wiederfinden von verloren geglaubten Malereien alles, einfach alles in seiner unauflösbaren Gespanntheit.

Es gibt noch Rotwein. Die Stoiker kennen 25 Arten der Unlust, 13 Arten der Furcht, 27 Arten der Begierde und 5 Arten der Lust.

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