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- 17 04 2006 - 09:54 - katatonik

Unterwerfungsrituale des Kapitalismus, I (Abt.: die, von denen man dann doch was hat)

Eine Firma gibt Geld, damit ein öffentlich-rechtlicher Radiosender Überraschungskonzerte organisiert, die dann eintrittsgeldfrei besuchbar sind. Vorgesehen sind Kontingente für “Gästeliste” und den Rest der Welt.

Gästeliste (genannt so, um Jung-Kevin die Gelegenheit zu bieten, etwas von der großen elitären Welt der Großstadtgästelistenkultur zu schnuppern), das heisst: Man registriert sich irgendwo auf der Website des Radiosenders, durchläuft dann ein SMS-Ritual, an dessen Ende man vielleicht die SMS mit der Gästelistenaufnahmebestätigung erhält. Man muss dafür noch nicht einmal aufs Dach steigen und die Dienste der Sponsorfirma in die Welt schreien; das ist doch wirklich außerordentlich großzügig.

Unsereiner weiss natürlich im Vorfeld nichts von dem Ritual, naja, den Radiosender höre ich schon länger nicht mehr (entwachsen) und dessen Website entzieht sich ebenfalls meinem Interessenradius. Aber T. erzählt, es gäbe da wohl ein unangekündigtes Konzert der Goldenen Zitronen, klar, da kann man schon hingehen.

Wir schauen so um Acht vorbei, liegt ja quasi ums Eck von uns, und einige von uns wollen da unbedingt hin. Von einem professionalisierten Milchbubi erfahren wir, dass Gästelistendraufsteher zwischen neun und dreiviertel Zehn reinkommen würden, dann der Rest. Mit professionalisierten Milchbubis hatte ich nicht mehr zu tun, seit ich altersgleich mit selbigen war, und der Umgang mit diesen “Ich hab jetzt auch endlich Macht, knalle die Glastür vor deiner Nase zu und schau dich dann demonstrativ nicht mehr an, du winselndes Bedürftigkeitswuzzi”-Typen hatte schon damals keinen soziokulturellen Mehrwert.

Wir gehen also einen trinken, werden mehr und kommen wieder. Da gibt es dann schon eine Schlange, bestehend aus ca. 50, 60 Personen meist dezidiert jüngeren Alters (T. ruft nach Jugendschutz, aber es hört ihm keiner zu). Am Eingang stehen unsympathische, kopfhaarlose Schrankwandtypen, jaja, Hochsicherheit. So alle fünf Minuten geht ein kleiner Knilch die Reihen ab und fragt, ob jemand von den Wartenden auf der Gästeliste stehe. Im Lokal befinden sich vielleicht 15 Menschen. Dem Vernehmen nach stehen 150 Personen auf der GL. Bei einem Fassungsvermögen von ca. 250 oder 300 Leuten könnte man die Wartenden gut auch jetzt schon reinlassen, wenn es einem um selbige ginge, aber nein, es geht um die Sponsoring-Gästeliste als das windigste, lächerlichste, wertloseste kapitalistische Unterwerfungsritual von überhaupt, und daher stehen die Wartenden eine halbe Stunde in der windigen Wiener Abendluft. Hey, man hätte auch geschäftstüchtigerweise jemanden mit Getränken vorbeischicken können, aber nein, nicht einmal dazu ist der Kapitalismus in der Lage, der auf ganzer Linie versagt. Kann dieses Sch****-System nicht einfach großzügig sein, da, wo es sich das sowieso leisten kann, und diese Sch****-Belohnungs-Bestrafungsmasche in die Tonne treten?

Großartig dann auch der junge Radiosender-Typ, der die Schlange abgeht und Leute interviewt. Er gelangt zu F., einem prominenten Bandmitglied, und fragt ihn “wie viele Leute sind da, glaubst du, vor dir?” und “wie hast du von dem Konzert erfahren?”. F. ist ein freundlicher Mensch und antwortet ironiefrei. Ich denke bei mir, diese professionalisierten Hip-Jungradiotypen sind auch arme Würschtln, in beiderlei Hinsicht (was sie von den professionalisierten Milchbubis unterscheidet, die nur in einer Hinsicht arm sind), und schweige großmütig.

Am Einlass gibt es dann zähe Eintrittsarmbänder, deren Entfernung Stunden später äußerst schwierig sein wird; professionalisierte Konzertbesucher haben für sowas wohl immer ihr Schweizermesser oder eine Nagelschere dabei, die zum Konzertbesuch sowieso gehört wie die Butter zum Bäcker.

Im Konzertlokal gibt es dann jede Menge Werbeposter und -blinklichter des Radiosenders. Der DJ bemüht sich redlich, seinen Sponsornamensnennauftrag zu verkalauern; auch sonst wird mit Kalauern eher geklotzt als sonstwas Da die neue Zitronen-Platte wohl “Lenin” im Titel trägt, laufen Clips von alten Lenin-Stalin-Filmchen an der Wand (passenderweise vom mdr aufgezeichnet), und es gibt auch jede Menge Lenin-Kalauer, etwa den Dauerbrenner “Wenn dir der Kopf zu schwer wird, dann lehn’ ihn doch an die Schulter deines Nachbarn”. Wer sagen kann, welches Werk der Weltliteratur mit “Ein Gespenst geht um in Europa” beginnt, bekommt einen Getränkebon (der erleichternd schnell weg ist). Auch von “Osterhass” ist die Rede, schon OK. Es gab noch ein paar andere Bemerkungen des DJ, die richtig gut waren, aber die merkt man sich dann natürlich nicht.

Ich dachte ja, ein GZ-Konzert ist eher was für “Leute, die man seit Jahren nicht gesehen hat, wieder treffen und aberwitzig parlieren”, aber nein, auch diese Schwelle habe ich wohl alterstechnisch überschritten, oder die alten Bekannten gehören genausowenig zum Radiosender-Empfängerkreis wie unsereiner, oder sind ostermäßig ebenso verreist wie der Rest der halben Stadt.

Das Konzert ist fein, da gibt es nichts zu sagen als laut, böse, schlau. Die Quasi-Jung-Punks (das dialektische Gegenstück zu professionalisierten Milchbubis), die den ohnehin schmalen Raum vor der Bühne durch blödes Rumspringen entleerten, wurden von der Bühne her ordentlich verarscht. Irgendwann muss ich lernen, GZ-Texte bei Konzerten auch akustisch zu verstehen, aber das kommt schon noch. Ich muss mir auch abgewöhnen, mich auf Konzerten alt und unangebracht zu fühlen (bzw. angewöhnen, das für mich zu behalten), aber auch dazu gibt es sicherlich noch ausreichend Zeit.

[Ach ja, und diese eine Nummer, bei der musste ich dauernd an eine andere denken, musikalisch, die mir nicht einfallen wollte, aber am Nachhauseweg dann doch noch: Cornershop, Brimful of Asha.]

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