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- 12 May 2024, 10:22 - katatonik

Erstversorgungstage

Jetzt also wieder Schwimmen auch im Freien, erstmals an diesem Donnerstag, einem dieser wochenverkürzenden katholischen Feiertage in Mai und Juni, zwischen zwei Fahrten in die Notaufnahme. Das Wasser wohltemperiert, die Luft noch nicht brennend, danke, nur ein, zwei andere Menschen in der Bahn, es flutscht, und dann setzt du dich, wie immer, oben auf die Betonstufen, schaust anderen zu, wie sie durch die Bahnen ziehen, hörst den Wind durch die riesigen Bäume rauschen und findest dich in der Gesellschaft von Krähen, die so tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben, während sie mit überspielter Aufmerksamkeit die abgelegten Badetaschen der Schwimmenden durchsuchen und, so sie irgendwer dann doch vertreiben möchte, höchstens drei müde Hupfer auf die Seite machen.

Es gibt Erledigungen, Telefonate an dem Tag nach dem Feiertag, an dem Vieles stillsteht, auch Lokale gern geschlossen, weil eh so viele weg sind an so einem Fenstertag, Brückentag, man sagt ja beides. Wenn eine*r von zweien im Krankenhaus ist, steht auch deshalb Vieles still. Tagesrhythmen geraten aus dem Takt, der oder die andere regelt Dinge drumherum und macht auch noch eigenes Leben. So, denke ich immer wieder, fällt es denen, die nicht die Patienten sind, dann doch schwieriger, vielleicht, denn die Patienten sind, wenn sie einmal im Krankenhaus sind, einfach nur das: Patienten, sie warten auf Untersuchungen oder Operationen oder liegen herum, Schmerzen gemanagt, wenn’s gut geht, Flüssigkeiten fließen durch ihre Adern. Die anderen leiden mit, haben aber daneben noch Leben zu leben. Einkäufe, Abläufe, Gespräche, Denkaufgaben, Recherchen, Ereignisse. Tröstungen, Beruhigungen. Es ist nichts Gefährliches.

Zu den Akusmatikern wollte ich an jedenfalls zwei von den insgesamt drei Abenden dieses kleinen, feinen Festivals, aber dann war halt Notaufnahme, und als ich am dritten Abend, wo klar ist, also, nein, wirklich nichts Gefährliches, dann doch da sitze und aus vielen Lautsprechern montierte Klänge unterschiedlichster Provenienz höre, die einen behende daher- und wieder weggeregelt, die anderen vor sich hin dräuend ohne Reglerintervention, also da drängen sich die Zusammenhänge auf, weil das menschliche Gehirn, wie ich bei Thomas Metzinger gerade las, so ist: Synthese, Sinnstiftung, alles narrative Selbsttäuschung (sehr buddhistisch übrigens).

Das Piepsen irgendwelcher Geräte in der Notaufnahme, du findest nie heraus, woher es kommt und welchen Zweck es verfolgt, die zusammengewürfelte Zuhörerschaft beim Experimentalkonzert, diesmal doch recht anders als zu anderen Gelegenheiten am gleichen Ort, du findest nie heraus, was genau sie an diesen Ort führt, vielleicht auch eine Art Notfall und Transformationsbedürfnis — von Heilung will ich nicht reden —, und an dieser Station gibt es dann halt auch nur eine Art ästhetische Erstversorgung, die dann nachwirkt, so, wie die Notaufnahme nur für die Erstversorgung da ist.

Bei den Akusmatikern bist du da, um zu hören, heisst es. Die Darreichungsform des Sounds durch zahlreiche verteilte Lautsprecher (ohne Instrumente, voraufgezeichnetes Material, Elektroakustisches) diene dazu, den Schwerpunkt auf das Hören zu verlegen, so, wie Pythagoras, auf den man sich gelegentlich beruft, seine Schüler von hinter einem Vorhang belehrt haben soll, damit seine körperliche Anwesenheit sie nicht vom Inhalt des Vorgetragenen ablenken möge. In der Notaufnahme sind Prozesse und Strukturen verborgen; das Manifeste, das, worauf die Wahrnehmung der Patient*innen und Begleiter*innen gerichtet wird, sind standardisierte Kommunikationsprotokolle (wenn sie dich nicht einmal, sondern wiederholt zu Symptomen ausfragen, wenn sie dich mehrmals ums Geburtsdatum bitten, um den kognitiven Status zu überprüfen), Untersuchungsschritte, gestaffelt und ergebnissensitiv (Blut, Harn, Blutdruck, EKG, Röntgen, CT), erste Linderungsmaßnahmen (Schmerzmittelinfusionen, Elektrolytinfusionen, Muskelentkrampfungsinfusionen).

Da ist aber eben auch noch vieles anderes. “Hören” ist bei Sound eine Chiffre für ein vielgestaltiges Wahrnehmen und Empfinden, dem Richtungen vorgegeben werden können, das aber nicht gesteuert werden kann. Zwischen den manifesten Schritten in der Notaufnahme, den wahrnehmbaren Kontaktpunkten und Ereignissen, liegt Zeit, liegen Sitzen, Stehen, Herumgehen und Warten — Warten, eine Chiffre für einen Zustand der Ungewissheit, in den sich das Wahrnehmen und Empfinden drängen. Die Beobachtung der Handwerker, die Deckenpaneele austauschen und Behandlungsräume ausmalen, das Mitansehen, wie die ausgenüchterten Obdachlosen vom Tropf genommen und rausgeschickt werden, mit einem freundlichen, doch resignativen “bis heut am Abend, Duschan!” der Pflegerin; die Securities stehen bei Fuß, falls einer nicht gehen will. Blicke durch unversehens offen gebliebene Behandlungsraumtüren, auf den einen Arzt, der Befunde eintippt, Mikroentscheidungen am laufenden Band trifft, über Milligramm hier und Mittelchen dort. Die professionell-solidarischen Umgangsweisen der verschiedenen Gruppen von Krankenhauspersonal und der Rettungsleute, die neue Notfälle bringen und erledigte Notfälle abholen. Die herzlichen Scherze eines älteren Paars zueinander. Das müde Mitgefühl des jungen Afghanen oder Syrers, der neben der Liege seines schlafenden Kumpels oder Verwandten steht. Die Angst in den Augen der weißhaarigen fragilen Dame, die wegen einer Ohnmacht eingeliefert wurde und eine auffällig gut gebügelte weiße Baumwollstoffdecke von zu Hause über ihren Beinen hat.

Es ist dann natürlich doch wieder auch nicht ganz richtig, dass du es als Begleitperson schwieriger hast als ein Patient, es ist halt nur anders schwierig. Du kannst dir da draußen ja deinen Ausgleich suchen, deine Ablenkung, das kann der Patient im Krankenzimmer schlechter. Du kannst, wenn du um halb eins in der Nacht aus dem Klinikareal trittst, während im Krankenhaus noch operiert wird, die laue Nacht wahrnehmen und dich entscheiden, statt eines Taxis einen Leih-E-Scooter zu nehmen, weil du den Wind auf deiner Haut spüren willst. Du kannst die Krähen im Stadionbad besuchen. Du kannst mit den Akusmatiker*innen und deren Publikum abhängen, über Musik und Verwandtes plaudern, auch über Konzerte, die schon länger her sind (die Nachwirkungen vergangener ästhetischer Erstversorgung) und um Mitternacht mit einer, die du gar nicht kennst, ihren 40. Geburtstag begehen, vielleicht sogar mit “happy birthday” auf Japanisch, während andere, hier und dort, liegen und atmen.

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- 4 May 2024, 08:55 - katatonik

Verhalten im Sound

Zwei Konzerte diese Woche, beide auf ihre je eigene Weise verhalten, raumbedingt, eventuell auch publikumsbedingt. Donnerstags die Organistin Kali Malone im Dom von St. Pölten, als Teil des nicht ganz unumstrittenen Kulturfestivals “Tangente”. Ja, man kann von Wien aus auch nach St. Pölten auf Konzerte fahren. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist man, wie G. anmerkt, von uns dahoam schneller in St. Pölten als in der Wiener Seestadt, und Züge zurück gehen bis knapp nach Mitternacht. Mit St. Pölten klappen solche Ausflüge verkehrstechnisch sogar besser als mit Krems, wiewohl ich Krems die sympathischere Stadt finde (in St. Pölten hat man mir als Kind im Krankenhaus das Auge aufgeschnitten, ich nehm sowas persönlich; in Krems wurde ich nur einmal des Ladendiebstahls bezichtigt, und das sogar völlig zu Recht).

Ich hatte Malone (mit Stephen O’Malley) im Januar in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gesehen, in einem modernistischen Oktogonbau in blauem Zwielicht, nun also in St. Pölten in einem barock überzuckerten Kirchenschiff, das zunächst recht hübsch blau, dann in überdosiertem Rot erstrahlte. Das Programm war im Wesentlichen dasselbe; Stücke aus Malones Album All Life Long, das im Februar erschien. Es wird wohl auch an den unterschiedlichen Instrumenten und Räumen gelegen haben, dass der Orgelklang in St. Pölten weniger Tiefe und Volumen hatte und generell einfach so ein Hauch Verhaltenheit die Performance prägte (O’Malley auch wieder dabei übrigens). Mir kam vor, dass jene Passagen, die ich in Berlin als unwohlseingenerierend erlebt hatte, in St. Pölten abgemildeter rüberkamen, dafür aber trotz des enger einbarockten Raumes eine recht ansprechende Weite eröffneten, möglicherweise gerade wegen der Verhaltenheit, die mit sich brachte, dass die die Stücke beschließenden Vibrationsstrecken weniger einnehmend und fordernd verliefen. Die Kirche war voll, es waren auch noch zusätzliche Stühle in den Mittelgang gestellt worden. Das Publikum war sehr angetan, aber auch den Applaus holte sich Malone recht verhalten ab; sie erschien dann nur sehr kurz vorne, um sich zu verbeugen.

Freitag abends nach einem kühlen, regnerischen Tag dann Emily Stewart und Martin Siewert im Radiokulturhaus, “Solo Together”, erst beide separat (sie länger als er), dann beide zusammen. Genauer gesagt im recht anheimelnden, kleineren Konzertraum des Radiocafés, vor Bänken und Stühlen und Tischen. Stewart war mir neu, als Geigerin und Vokalistin in zeitgenössischer Klassik, Jazz und Pop unterwegs, Literarisches verarbeitend und selbst textend (2020 das Soloalbum The Anatomy of Melancholy), hier ein Instrumentalbeispiel gemeinsam mit Asja Valcic).

Erst gab es Songs von Stewart am Klavier, melancholisch, getragen, mit anekdotischen, autobiografischen Zwischenerklärungen, denen man an so einem Abend gern zuhört. Twice in a Day, in Villanelle-Form geschrieben, einem Pandemieprojekt entsprungen. But sometimes we must die twice in a day. Dann eine recht kurz wirkende Solostrecke von Siewert, die nach Ausflügen in elektronisch herbeigeregelte, gitarrenverschrammte Schrillheit und ruhigeren Passagen auf der akustischen Gitarre im Sound sinnierender Flipperautomaten landeten, leicht blubbernd, aber dann doch irgendwie die Melancholie der Songs aufgreifend und umsetzend. In der gemeinsamen Strecke griff Stewart dann auch zur Violine, und zwar genau dann, als ich mich frug, “greift sie eigentlich auch irgendwann zur Violine?”. Eine rein instrumentale Passage, die ich als ansprechend improvisierend wahrnahm, ließ dann einen elektronischen Beat zurück, der eine wirklich sehr, sehr schöne längere Abschlussnummer unterfütterte, Stewart dann wieder singend am Klavier, die Elektronik und die Gitarren etwas verhalten, aber ein verdammt stimmiger Rahmen für Melancholie unter den Bedingungen rhythmischen Knacksens, mit dieser oder jener prononcierten und doch weichen Gitarrenphrase dabei. Es waren leider recht wenig Leute da, berückend die ältere Dame vor mir in einem grünweißtürkis-gemusterten Kleid, die einen prononciert roten Cocktail trank, langsam, erst am Ende des Konzerts war er leer.

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- 29 April 2024, 17:18 - katatonik

Behausungsträume

Die Berliner AirBnB-Hosts vom letzten Jahr stellten mir ihre Wohnung während ihrer Abwesenheit zur Verfügung. Ich rauchte nach meiner Ankunft zunächst eine Zigarre, sperrte mich dann aber aus, was mit schlechtem Schlaf zu tun hatte, und irrte durch das moderne Gebäude. In einem im zweiten Stock befindlichen, labyrinthesken Kindergarten, der eher wie ein Museum angelegt war, machte ich die Angestellten, die ich erst suchen musste, auf Baumängel aufmerksam, die mir gefährlich erschienen (da fließt Wasser von der Decke!), sich bei näherer Beschau aber als Feature herausstellten (das ist unser Brunnen!). Hernach gleich in Dänemark, in Restaurants essend, in denen es gang und gäbe war, dass man mit fremden Menschen an einem Tisch saß und lauwarme Getränke irgendwo zwischen Tee und alkoholfreiem Bier genoß (was Fermentiertes).

In einem Zuhause, wo immer das da war, hatten wir, wer immer das da war, ein seltsames mehrschichtiges Wand-Display in einem der Räume, zu dem ein Jesus mit echten Textilgewändern gehörte, oben an der Decke; möglicherweise bestand er überhaupt nur aus diesen Gewändern, was Karminrotes, Robenartiges. Das Display gehörte zu einer literarischen Darstellung der Jesusgeschichte in Gedichtform (ähnlich Edwin Arnolds “Light of Asia” für den Buddha), die ich begeistert in den Fermentgetränk-Restaurants anderen zeigte, da ich sie für sehr originell hielt. Es hatten sich freilich bereits Schichten des Displays abgelöst, was ich als Baumangel irgendwo geltend machen wollte. Die Gewänder des Jesus blieben auch nur deshalb an der Decke, weil sich unterhalb von ihnen ein festes, dichtes Spinnennetz gebildet hatte — das einmal riss, weshalb die Jesusgewänder herabfielen, langsam herabsegelten, und fortan von mir in die Fermentgetränk-Restaurants mitgenommen wurden, zwischen denen ich mich im übrigen mit Leihfahrrädern hin- und herbewegte. (#aufgew.)

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- 28 April 2024, 20:23 - katatonik

Gallertartige und beglückende Konzerte

Donaufestival, Krems, 27.4.

ZULI (Ahmed El Ghazoly) & Omar el Sadek der erste Act, dem ich beiwohne; sehr lautes, mitunter tief vibrierendes Zeug mit, tja, dreinfahrenden Tönen. Der Programmtext sagt: “Gelegentlich versucht man zu dieser Musik zu tanzen, sie fordert einen stetig dazu heraus; aber dann hat man auch wieder den Eindruck, dass die Beats sich in Säure auflösen, und dass der Boden des Dancefloors sich in eine Gallertmasse verwandelt.” Das ist nicht unzutreffend, was mit Säure und Gallert — Letzteres im Sinne von: durchsichtig und zäh —, aber not in a good way. Ich verbringe das Konzert im Nebenraum der Halle, in den sie offen übergeht. Da gibt es, wie auch letztes Jahr, eine altersaffin positionierte Sitzmöbelkonstruktion und die Bar.

Die Barschlange wird während des Konzerts deutlich länger, als sie es davor gewesen war. Nebeneffekt der Barbereichsflucht ist, dass man sich verplaudert und übersieht, dass man sich ja zum Autechre-Konzert von der Halle 2 zum Stadtsaal begeben darf, der bis zu 650 Personen fasst und dann bei unserem Eintreffen bereits sehr, sehr gut gefüllt ist, also “ich bin froh, dass sich D. vor mir einen Weg durch die Menge zu einem annehmbaren Platzerl bahnt und ich in ihrer Spur mitkommen kann” gut gefüllt. Es ist dunkel und die Beats brechen. Es ist sogar so dunkel, dass die Notausgangbeleuchtung verhüllt ist, ein Aspekt, der, wie ich später an der Bar erfahre, bei der Feuerwehr (immer gut sichtbar präsent, die Herren) auf so gar keine Gegenliebe stieß. Das ist nachvollziehbar, aber die totale Dunkelheit im Saal ist dann auch einfach nachgerade zwingend. Unhierarchisches Zurückgeworfensein in die eigene, unmittelbare Umgebung, Sound von irgendwo da vorne, kein Sinn für die Masse und doch ein Gespür für ihre hörende und sich bald auch bewegende Existenz.

Die Menge um mich herum lockert sich im Verlauf etwas, was Raum für mitvollziehendes Hopsen, Wippen und Stampfen schafft. Ein fetter und trockener Sound zugleich, in den besten der vielen, vielen guten Phasen akustisch-rhythmische Umspringbilder, bei denen sich dein Gehör, dein Körper, aussuchen können, welcher Spur sie folgen wollen, wechselnde Spurweiten, Spurwechsel. Das könnte alles sprunghaft sein, fühlt sich aber sehr geschmeidig an. Meister der angekündigten, deutlich hörbar eingeleiteten, aber in ihrem Verlauf nicht vorhersehbaren Transformation. Das Spüren mitvibrierender Begeisterung im Saal, bei einigen der eingewobenen Wechsel branden Begeisterungsrufe auf. Ein fantastisches Konzert, und da fragst du dich dann, was kann jetzt noch kommen, aber du musst ja eh noch zur französisch-ghanaischen Musikproduzentin PÖ (Pauline Bedarida), denn der Bus zurück nach Wien fährt erst nach dem letzten Konzert.

Also zurück zur Halle 2, die nun auch sehr, sehr gut gefüllt ist, aber eben klangoffen in den großen Nebenraum übergeht. Über PÖ lese ich auf der Donaufestival-Website, sie wäre für ihre Art der Vokalisierung bekannt, hörbar auf ihrem Album Cociage. Dieses Set, ganz anders, ein tanzbar aufgeheizter Strom, bewegt sich von verdubbter, rhythmisch langsamer, satter Tiefe zu sehr speedigen und verglitchten Strecken (nicht ganz so meins) hin und wieder zurück, mit bemerkenswerten Afro-und brasilianischen Komplexitäten aus einem house-inspirierten Universum, das mir nur sehr punktuell bekannt ist. Im Saal lande ich in einer Umgebung mit tanzenden, wippenden, lachenden oder lächelnden Frauen, das ist extrem angenehm und wechselseitig verstärkend und aufschaukelnd. Gegen Ende verarbeitet PÖ eine Nummer, die ich sehr gerne höre: Warrior Queen mit The Bug, Poison Dart. Auch hier verlassen Menschen den Saal mit durchwegs beglückten Gesichtern.

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- 20 April 2024, 12:09 - katatonik

Dinge, die auftauchen

Ich aß den Mittagssalat in der Institutsküche, in Gesellschaft eines Postdoktoranden, der ein Bändchen von Kropotkin mitgebracht hatte. Wir sprachen darüber, wie wichtig es sei, breit zu lesen, Dinge zu lesen, die nicht zu eng mit dem Thema verbunden wären, an dem man gerade arbeitet, Texte und Literaturen zu lesen, die nicht fachwissenschaftlich wären. Herumzulesen.

Eines Abends in die Breitenseer Lichtspiele, ein Kino, das es seit 1909 dort gibt, wo es heute ist, “Alice in Wonderland” (1915), dazu Live-Sound von Philipp Quehenberger. Der Film natürlich ein restauriertes Filmfragment (“scenes missing”). Tierfiguren aus Pappmaché, historisierende, groteske Kostüme an der Hof-Entourage. Zitternde, zappelnde, aus dem Charakter des Mediums heraus unbeholfen wirkende Bewegungen in fahlem Schwarzweiß, dazu ein treibender, vibrierender, wummernder und immer wieder nervös überdrehender Sound, ein Zappelton zum Zappelfilm, zumeist exaltiert. Eine Szene, in der Hummer zur Lobster Quadrille aus dem Meer kommen. Da passte der Rhythmus des Sounds exakt zu den Bewegungen, und plötzlich hatte der über das elektronische Gerät gebeugte Körper vom Quehenberger, eine recht dünne Figur, genau dieselbe Krümmung wie die Hummerkörper, und er schien sich mit ihnen mitzubewegen. Ein Moment der performativen Serendipity.

Rock lobster.

Wiener Bezirke, in denen es kein Kino gibt; Wiener Bezirke, in denen es keinen Fleischhauer gibt.

Deadbeat is now Scott Monteith.

People happen.

Die Heidelbeerkiste über Crowdfarming, 2kg, aus Huelva, sie traf in Wien ein, ohne dass auch nur eine Beere beschädigt gewesen wäre.

Und wie ich vor einiger Zeit einem gegenüber saß, der sich beschwerte, ein anderer würde unwahre Geschichten über ihn erzählen, und ich meinte, ach, wenn ich daran dächte, was schon für unwahre Geschichten über mich erzählt wurden, das könne man doch nur belächeln, und er fragte mich lächelnd, welche unwahren Geschichten denn zum Beispiel über mich, und mir fielen nur welche ein, die eben genau er über mich erzählt haben soll, aber dann fiel mir ein, es könnte natürlich sein, dass genau dieses Erzählen wiederum Teil der unwahren Geschichten wäre, die über ihn erzählt wurden. Deswegen kam das Gespräch in ein lächelndes Stocken, und wir aßen weiter Kuchen.

Und ich weiß jetzt endlich, woran C., ein Musikerfreund, aus den Augen verloren irgendwann in den 1990ern, vor 12 Jahren verstorben ist, viel zu früh, ich hatte das irgendwann übers Internetz mitbekommen, aus der Ferne in Deutschland. Es sterben eh alle viel zu früh immer, aber der war halt annähernd in meinem Alter, und wenn Gleichaltrige oder Jüngere sterben, ist das immer auf eine besondere Art und Weise zu früh. Dabei ist es genauso zu früh, wenn welche sterben, die älter sind. Es war also jedenfalls ein Aneurysma, ein plötzlicher Tod, in der Badewanne. Ich fast erleichtert, weil ich immer anderes befürchtet hatte, Depression, Suizid. Aber natürlich kann man auch an einem Aneurysma sterben, wenn man vorher depressiv ist, das ist ja nicht ausgeschlossen. Erleichterung ist bei Todesarten grundsätzlich eine seltsame Reaktion.

Und immer noch pandemische Disruptionsgeschichten, retrospektiv erzählt: jüngere Kollegen, Staatsbürger von EU-Ländern oder Japans, die zur Zeit, als die Pandemie begann, in Thailand oder Australien beschäftigt waren. Der in Australien wurde aus dem Land geworfen, weil sein Aufenthaltstitel vor dem verordneten Ende eines Lockdowns auslief und aus Gründen keine Verlängerung möglich war; man hätte ihm einen Escort der Botschaft seines Landes zum Flughafen angeboten, und er saß dann mit sehr wenigen anderen im letzten Flug nach Tokio, von dort weiter nach Europa. Gespenstisch. Auch die in Thailand, alle ihre Arbeitsverträge nicht verlängert bekommen, ratzfatz, weg aus dem Land, ties broken. Und gleich der Gedanke: Sowas passiert Geflüchteten andauernd. Eine normalisierte und systemische Grausamkeit, von der Weiße oder recht gut verdienende Personen aus einem Ausland kaum betroffen gewesen waren. Unter den Bedingungen einer einsetzenden Pandemie wurden sie es.

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- 13 April 2024, 20:04 - katatonik

Women at night

Und dann findest dich plötzlich in einer Situation wieder, die auch schon lang nicht mehr: mit anderen, in dem Fall: zwei Frauen, zusammengewürfelt, die du jetzt nicht so besonders gut kennst, dich bei einer Feiergelegenheit zusammenplauderst und -trinkst, und dann sagt die eine, jetzt gemma noch dorthin, und dann setzt die sich ins Taxi, während wir beiden anderen uns aufs Fahrrad werfen, und wir am Fahrrad sind halt dann doch schneller, so den halben Ring entlang.

Und dort ist dann halt eine andere Feiergelegenheit, und dort geht es weiter mit Plaudern und Trinken. Nur, dass das damals halt häufiger so völlig offene oder irgendwie andere Szenarien waren, Wohnungsfeste, Menschen aus Subkulturen mit im vielfältigen Werden begriffenen Leben. Jetzt sind das drei Frauen mit Karriere, in nicht ganz unwichtigen Positionen, und das eine Fest ist eine Forschungsfeier, das andere ist eine Party von Wirtschaftstreuhändern. Beide in Dachgeschoßen von historischen Gebäuden in unterschiedlichen Modernisierungsgraden, fantastischer Ausblick, da sagst nix mehr.

Und es is immer noch so, dass es dann um alles Mögliche geht, beim Reden, es wird ja so lang und so viel und so schnell geredet, bis allen schwindlig wird. Aber heute geht es mehr um launige Geschichten im Berufsleben, zumeist mit wichtigen Männern, unglaublich, was da alles abläuft. Es geht viel um erfahrene Lebensgeschichten, gibt ja doch schon so Einiges davon, und Einschläge und Krisen rundherum, vor allem in Familien. Pflegenotwendigkeiten, Hilfsnotwendigkeiten, Hilfsbedürfnisse. Das sind die zwei Konstanten mit den Frauen jetzt in diesem Alter: Mächtige Männer und Pflege.

Draußen tobt ein Sturm, und durch den radelst du dann im Zentimetertempo nach Hause, und das kommt dir auch wie so eine Metapher vor: Du hast ein Fortbewegungsgerät, das der Situation nicht mehr ganz angemessen ist, aber du musst halt nach Hause damit, du willst das jetzt durchziehen, könntest ja auch in ein Taxi und das Radl morgen abholen, aber nein, es sind eh nur mehr zwei Kilometer, das packst du, du hast ja noch etwas Kraft und plötzlich erstaunlich viel Geduld und stemmst dich gegen den Wind, was vielleicht lächerlich wirkt, sich aber in der Situation als das ausnehmend Richtige anfühlt.

Ein paar Tage später trinkst dann auch mit ein paar Frauen, nach einer Sitzung, diesmal bist du selbst die älteste, die anderen drei sind auch im Betrieb, aber noch auf der Suche nach einer Perspektive. Ganz jung sind sie nicht mehr, an die Vierzig, aber heute kriegst du ja in der Wissenschaft vor Vierzig kaum Perspektive, will sagen: kein Arbeitsverhältnis ohne festgelegtes Ablaufdatum. So sind sie also auf der Suche, und du redest hin und her, erzählst die Geschichten von deinen Bewerbungen und Bewerbungsversuchen, von denen du glaubst, ihre Erzählung würde den anderen was bringen, ohne allzu belehrend zu wirken. Eine Art Ratschlag, eine Art Information, eine Art Unterhaltung.

Und sie mischen sich da hinein, die Erkrankungsgeschichten, die eine ja immer noch mit Perücke, Bewerbungsvorträge sehr anstrengend, ja, und immer die Unsicherheit, merkt jemand was, also von der Perücke, soll sie darauf hinweisen, dass, oder eher nicht, und ich frage nicht, ob sie glaubt, wie sie einen Professuralltag durchstehen würde, wenn schon der Bewerbungsvortrag so kraftzehrend. Man muss den Leuten nicht die schmerzhaften Fragen stellen, von denen man ja sieht, wie oft und zermürbend sie sich selbst stellen. Das Wetter jetzt wärmer, es war ein unverschämter Sonnentag (hot pants sightings!), der Alkohol war nicht ganz so viel, obwohl der Bayer wieder da war mit dem guten selber gebrannten Calvados, der aber klar ist, weil nicht im Holzfass gelagert, von dem die Farbe kommt, also da muss man schon kosten, und diesmal fährt sich das Radl leicht nach Hause, du musst dich gegen nichts stemmen, auch nicht gegen den Wind.

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- 13 April 2024, 19:08 - katatonik

Heat dreams

Es war so heiß, dass auch die von einer Stadtbewohnerin privat geschaffene Attraktion “Setz Dich zur Entspannung ins Grasauto” geschlossen hatte. Dort konnte man sich in eine mit weichen, üppigen Grasmatten bewachsene ausgebrannte Karosserie eines Verbrenners begeben, die nun langsam vertrocknete. Dies stellte ich am Weg zu einer Musikperformance fest, die aus dem unveränderten Abspielen einer Folge “Baywatch” bestand. (aufgew.)

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- 29 March 2024, 20:14 - katatonik

Call and Response (Volkstheater, Wien, 27.3.)

Nach eineinhalb Wochen recht anstrengender, sehr lohnender und überaus freundlicher gemeinschaftlicher Lektüre philosophischer Sanskrittexte dann noch abends in ein Konzert, 22 Uhr in der Roten Bar im Volkstheater, eine angemessene Zeit für den Ort, eine nahezu frivole Zeit für meinen Biorhythmus. Zu Fotos, die Chris Marklay zwischen im Frühjahr 2020 im pandemielockdownbedingt leeren London aufgenommen hat, improvisierten Steve Beresford, Martin Siewert und Paul Wallfisch. Ein sich recht intim anfühlendes Konzert. Die Fotos projiziert an die hintere Bühnenwand, links Beresford, rechts Siewert, unterhalb und vor Siewert Wallfisch, der immer auf Englisch das Datum eines Fotos ansagte, als Titel des folgenden Improvisationsstücks.

Marklays Fotos zeigen leere und vor allem stille Straßen, verlassene Parks und unbenützte Spielplätze mit sinnlosen Absperrungen, Läden mit heruntergelassenen Sperrgittern, stehende Drehtüren. Einblicke in verschlossene und verdeckte Leerräume. Marklay hatte bereits damals diese Aufnahmen großteils geometrischer Muster, die als scores gelesen werden können, an Beresford geschickt, der dazu zu komponieren begann; es gibt ein Buch der beiden und eine CD, “Call and Response”, so auch der Titel des Konzerts in der Roten Bar. (Interview mit Marklay und Beresford mit Paywall) Nun das Ganze also um die abstrakten Gitarrenklänge und elektronischen Klänge Siewerts erweitert, Wallfisch gleitet und klopft am Vibraphon. Es ist eine sehr eigene Form der Verbindung von Bild und Klang, eine Erweiterung und Transformation der 2020 angelegten Idee, auch eine nicht uncharmante Variation über das Thema, wie sich mit wachsendem zeitlichen Abstand den Zeitläuften abgerungene Bedeutungen ändern. Ich sehe zwischendurch in meine Kalender-App, da steht für diese Zeit wenig. Das eine oder andere Online-Meeting, dann Einträge der Art “Befundbesprechung”, “Tumordiagnose”, “OP”.

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- 28 March 2024, 17:14 - katatonik

M. (contd.)

Wie bist herkommen, mit dem Bus? Das fragt mich M. fünf Mal in zehn Minuten, und ich sage, jedes Mal, nein, der D., ihr Sohn, hat mich mit dem Auto mitgenommen. Ja, der D., sagt sie dann, ebenfalls jedes Mal, er kümmert sich so gut um sie, sie will keine Belastung für ihn sein, aber. Es gibt eine 24-Stunden-Pflegerin, der D. fährt jetzt nur noch einmal in der Woche hin, die Strecke von gut 120 Kilometern von da, wo er wohnt; woanders. Die Pflegerin, ja, hat sie sie mir schon vorgestellt? Sie ist sehr bedacht auf Höflichkeit, und auch das fragt sie mich mehrere Male. Und auch da, ja, geduldig die Antwort, wir haben einander schon vorgestellt, wir wurden schon. Der D. hat mich vorgestellt, als seine Halbschwester, das ist ein stilles Upgrade, denn eigentlich bin ich seine Stiefschwester, aber wer nimmt das schon so genau, sowas. Jedes Mal, wenn wir einander wieder vorgestellt werden sollen, nicken die Pflegerin und ich freundlich, ich um einen Tick freundlicher als sie, die so etwas den ganzen Tag erlebt und daher weniger frische Geduld aufzuwenden hat.

Die Pflegerin vermittelt von einer Agentur. Sie kommt aus Rumänien, ist dann vier bis sechs Wochen da, das ist schon lang an einem Stück, der D. findet das nicht so gut, denn auch die Pflegerin hat ja Familie und wird spürbar gereizter, je länger sie von der Familie weg ist. Die Pflegerin kümmert sich, sie will perfekt sein, aber M. ist nicht perfekt, und vor allem nicht immer ansprechbar. Sie will ihre Ruhe, vor sich hin sinnieren, nicht immer reden. Smalltalk fand sie immer schon ärgerlich öde. Sie wollte immer etwas lernen, immer etwas wissen. Sie möchte eine um sich, von der sie etwas lernen kann, aber 24-Stunden-Pflegerinnen sind halt nicht so, sie sind Frauen aus Ländern, in denen sich während ihres Lebens alles geändert hat, Frauen, die um ihre Familien kämpfen, von denen wahrscheinlich die Jüngeren irgendwo anders, in Deutschland oder so, alle verstreut, und dort, in Rumänien, Realitäten, die sehr weit weg sind von denen hier.

Die Pflegerin kümmert sich, sie will sich immer kümmern. Wenn M. sich nach vor beugt und etwas vom Couchtisch nehmen möchte, ist die Pflegerin gleich da und will ihr helfen. Das nervt leicht, es ist auch kontraproduktiv, denn M. soll sich ja bewegen und kognitiv so eigenständig wie möglich bleiben. Das muss geübt werden mit 86, wenn man schon dement ist. Sie ist sich ihrer Demenz bewusst, ich bin versucht zu sagen: noch. Sie weiß, dass sie vergisst. Sie ist oft ruhig, und dann glaube ich zu verstehen, dass sie in ihrem Gedächtnis nach etwas fischt und nichts findet. Sie quittiert das mit Humor, macht Witze, manchmal, dann wieder kommt da so eine Traurigkeit in ihre Augen über das, was sie verloren hat, eine Ängstlichkeit über das, was sie im Begriff ist von sich zu verlieren, wovon sie noch nicht wissen kann, dass sie es verlieren wird. Es gab Schwierigkeiten, Andeutungen von Aggressivität, Spannungen. Sie hat nun ein Medikament verschrieben erhalten, das Ausbrüche verhindern soll. Sie wirkt ruhig. Wirkt sie gedämpft? Ich könnte es nicht sagen.

Die Finanzen, das Organisieren, alles macht der D. Der Antrag bei der Krankenversicherung auf Erhöhung der Pflegestufe, Aufteilung der Medikamentenrationen für die nächsten zwei Wochen auf kleine Schächtelchen mit Tagesdosen, Durchsprechen der Medikationsrhythmen mit der Pflegerin, Telefonate mit der Diplompflegerin bei der Agentur, die die Pflegerinnen organisiert. Lebensmitteleinkäufe; die Pflegerin kocht. Aber meistens isst sie eh Chips und Soletti, Chips und Soletti, das macht sie glücklich, das bringe ich ihr also mit. Sie hat ihr Leben nicht mehr in der Hand, wie sie es immer in der Hand hatte, geschult im Buchhalterischen, flink mit den Zahlen. Es scheint ihr recht zu sein, dass der D. das alles macht, sie wirkt dankbar, aber es kann nicht leicht für sie gewesen sein, das Aufgeben, das Abgeben.

Das Wissenwollen will sie noch nicht abgeben. Die Bücher da links, die gehören geordnet, sagt sie, mehrmals. Das hat sie vor. Ich beginne mich daran zu gewöhnen, meine stillen Gedanken auszusprechen, weil ich so viel mit ihr sprechen will, wie ich kann. Es fühlt sich ein bisserl an wie Improvisationskunst. Du legst jemandem etwas vor, ein paar Sätze, dann kommt etwas, in eine oder andere Richtung, und so geht es weiter. Es muss nicht kohärent sein, darauf kommt es nicht mehr an. Es geht nicht mehr um Inhalte, es geht um Gesten. Es muss kein Ratschlag sein, keine Nachfrage, es reicht eine Sprache der zugewandten Beobachtung. Ja, da hast Du ja viele Nachschlagewerke, Brockhaus, Langenscheidt-Wörterbücher, jede Menge. Ja, sagt sie, sie muss viel nachschlagen, das ist ihr am wichtigsten, dass sie nachschlagen kann, wenn sie etwas braucht. Was soll sie machen, mit dem Lernen, fragt sie mich, und ich sage zu ihr, nimm dir was, wovon du eh schon viel weisst, Altgriechisch jetzt, zum Beispiel, das hast du doch immer gern gemacht, schau da doch wieder rein, freu dich, was du kennst, schau, was du da noch Neues lernen kannst. Aber fang lieber nicht was ganz Neues an. Ja, sagt sie mit überraschender Klarheit, was ganz Neues, weisst, das vergess ich dann immer, und dann hör ich auf mich zu interessieren, das geht nimmer, das freut mich nimmer.

Sie ist aus der Welt. Ihr von Israel oder der Klimakrise zu erzählen, das hat keinen Sinn mehr, hat der D. gesagt. Sie vergisst es sofort, oder vielleicht will sie es vergessen, denn, weisst, manchmal vergisst sie halt schon auch einfach nur, wenn ihr etwas nicht passt, wenn sie etwas nicht interessiert. Sie ist in ihrer Welt, sie hat noch eine Welt, die die ihre ist, aber so, wie ich mir das vorstelle, wird diese Welt zusehends verwaschener, ungreifbarer, nicht linear, vielleicht noch nicht linear, in Pulsen, in Wellen.

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- 16 March 2024, 16:57 - katatonik

Desolate (San Francisco, Februar/März 2024)

Ein Hotel in Nob Hill; ein altes, knarzendes Gebäude mit einem Lift mit innerer Faltmetalltür. Ein faux fireplace, der eine Gasheizung ist, mit einem Schalter aktivierbar. Eine Tischlampe mit Elefant als Fuß. Elefantenförmige Griffe am knarzenden Holzschrank. Schlecht schließende Fenster. Über dem Bett, hinter Glas und gerahmt, ein paar Zeilen von Kerouac in Courier gesetzt, auf bräunlichem Papier (Schreibmaschinenanmutung, Vergilbtheitsanmutung). Über dem Klo, auch hinter Glas und gerahmt, das Foto von Veruschka mit Gepardin. Verneigungen vor der Architektur des sehr frühen und der Kultur des etwas späteren 20. Jahrhunderts, alles leicht desolat. Wine hour ab 17 Uhr vor einem anderen faux fireplace, geschliffene Freundlichkeit des Kellners (Familie aus Mexiko), Vorabendplaudern mit anderen Gästen. Die Dame aus Norwegen, mit ihrer Tochter hier, beide, um einen Marathon zu laufen. Sie ist Ärztin auf einer Ölplattform, da hätte es unlängst einen Unfall des Transporthelikopters gegeben, alle sehr beunruhigt, schließlich ist der Transporthelikopter die life line jeder Bohrinsel. Reisesplitter, von den Massai, vom underground tunnel des Zenkōji-Tempels in Nagano, aus Guatemala.

Portsmouth Square, Chinatown, ein kleiner Park. Spielgeräte für Kinder, an denen ältere Leute, alle mit surgical masks, langsam Kraftübungen vollführen, Rücken aushängen. Ein Denkmal für die erste publicly funded school Kaliforniens. Eine Statue einer Frauenfigur, die “Statue of Democracy”. Eine ältere Dame mit Einkaufstaschen und einem Transistorradio (chinesische Lieder, Frauenstimme, schrill) möchte eine Tasche mit Blumen partout an den Sockel der Statue lehnen, doch der Wind weht sie immer wieder um. Das passt ihr gar nicht. Sie unternimmt mehrere Anläufe, selbst ein Denkmal des Starrsinns, bis sie dann doch die vom Wind abgewandte Seite findet und wählt. Ein Mann mittleren Alters, caucasian, Rucksack am Rücken, geht hin und her durch den Park. Er spricht laut in Rechtsdokumentssprache, als würde er Vorschriften für den supreme court (das Wort fiel mehrmals) rezitieren. Unter einer Pergola Obdachlose, aufgetürmte Besitztümer. Eine Gruppe Menschen am anderen Ende des Parks, gemischte Ethnien und Altersgruppen, versammelt um einen, der doziert. Es geht um irgendeine Vereinigung, der man nicht einfach beitreten könne, da müsse man schon Besonderes leisten, um aufgenommen zu werden. Es scheint nicht, als würde er Reiseführer sein; er klingt nach Seelenfänger. Eine Sekte vielleicht. Der Rechtsdokumentrezitator geht an der Gruppe vorbei. Seine Rezitation überschneidet sich mit der Seelenfängerei.

Abends dann die falsche Bahn erwischt, Metro statt BART, daher drei Kilometer entfernt von der Gray Area an die Oberfläche gekommen, von jenem Theater- oder Kinobau, wo an diesem Abend Actress und drei andere Acts auftreten. Noch Zeit genug, zu Fuß zu gehen. In den USA zerdehnt sich das immer, ich lese, es ist irgendwohin drei Kilometer und denke dann, ach, das geht doch locker zu Fuß. Dunkelheit, leichter Regen, wenige Menschen, Häuserblöcke, Palmen. Eine episcopal church, aus deren Innerem hartes Schlagzeug tönt. Dann die Mission Street, breit, Lokale, Shops, abgefuckt, temporäre food stalls am breiten, desolaten Gehsteig (mittel- und südamerikanisch), mehr Menschen, Taco shops, Gestalten, die ihren Körper schlecht oder nicht unter Kontrolle haben, stärkerer Regen.

Recht gebügelter Veranstaltungsort für “antidisciplinary collaboration … towards a more equitable and regenerative future”, der kritischen Auseinandersetzung mit Technologie und Kultur verschrieben. Angenehme Mezcal-Cocktails an der Bar, ausgesuchte Freundlichkeit allerorten. Die Konzerte im Rahmen des Noise Pop Festivals 2024. Der Sound passend zur Gegend: glänzende Dunkelheit, verborgene Dimensionen, Rohes und Desolates, aufblitzende Wärmemomente, überraschende Wendungen.

Erst Eileen Sho Ji, ein Ambient Set, sehr unterstützende Fanbase im Publikum. Dann alles Einpersonenshows. mars kumari, eine recht düstere Elektronikerin aus Oakland (Album I Thought I Lost You, hauntologisch verbrämt). Chuquimamani-Condori, bolivianisch-kalifornisch, mit Cowboyhut, lässt südamerikanische Musikelemente in brachial-tänzerische Elektronik hineinschmelzen (Album DJ E). Die alle führen vortrefflich hin zu Actress (Darren Cunningham, das ist gut hinzuzufügen, falls jemand Suchmaschinen betätigen möchte). Räume aus Sound gebaut, Skulpturen aus Sound ziseliert, visuelle Strecken, die sehr eigene Galaxien entwerfen. Live lohnt sich, der Mann kann Dramaturgie, oh, und wie (letztes Album LXVIII). Die Trackstruktur der Alben ist das eine, die Dramaturgie seines Live-Sets das andere. Mir kommt vor, man erkennt sein handwerkliches Geschick daran, dass er live zwar mit von den Alben erkennbarem Material arbeitet, aber dann doch einen sehr eigenen, neuen Klangstrom generiert. Ich bin hin und weg. Gleich nach dem Konzert strömt das Publikum unverzüglich nach draußen, viele in die nahegelegenen Taco shops, alles verläuft sich. Durch stärkeren Regen zur Metro-Station, etwas verirrt dabei. Die Station recht leer, erst später lese ich, dass sie nachts als gefährlich gilt. Ich spürte keine Gefahr.

Im Nordwesten der Stadt am Strand die Ruinen der Sutro Baths, benannt nach Adolph Sutro, in Aachen 1930 geboren, mit der Familie im Alter von 20 in die USA emigriert, vom Goldrausch nach San Francisco gespült, reich geworden, 1894 bis 1898 Bürgermeister von San Francisco. Die Baths: 1894 errichtete, luxuriöse Badeanlagen, bis zu 10.000 Menschen Fassungskapazität, in einer Bucht, die heute “Naiad Cove” heißt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts geschlossen, umgebaut, teils abgerissen, abgebrannt. 1897 klagte John Harris erfolgreich gegen die “whites only”-Policy in den Sutro Baths. Er erhielt eine recht geringe Kompensationssumme, von der er jedoch die Gerichtskosten bezahlen musste; praktisch dürfte der rechtliche Sieg dann auch wenig geändert haben. Ein Wasserbecken ist noch da, Reste von Steinmauern. Wenige Spaziergänger*innen, die sich gegen den an diesem Tag sehr starken Wind stemmen. Einige Wasservögel planschen; ich kann sie mit meinem Feldstecher nicht identifizieren. Der Wind ist so stark, dass es mir nicht gelingt, die Hände ruhig zu halten. Am Hang oben das “Cliff House”. Sutro hatte hier ein achtstöckiges viktorianisches Gebäude errichten lassen, das zwar nicht im Zuge des San Franciscoer Erdbebens, doch bald danach abbrannte. Weiter Blick über die Westküste. Mit den Wellen laufende Limikolen, im Sand laufende Menschen, kleine Striche.

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